Andacht

Andacht

Liebe Leser, 

In einer Gruppe gibt es mindestens zwei Posten zu besetzen. Den Anführer und den Außenseiter. Der, der gemocht und bejubelt wird. Und der, über den gelacht und geredet wird. Um den Anführer sammeln sich meistens viele, die keine Meinung haben, die nichts tun, aber viel mitmachen. Die sich anstacheln und aufhetzen lassen. Aber genau dann kann es gefährlich werden, wenn sich Menschen das eigene Denken zureden und ihre Wahrnehmung einfärben lassen. Wir sehen das sehr deutlich auf den gesellschaftlichen und politischen Ebenen. Wo zumindest eine beschworene, gefühlte Mehrheit für die Untergrabung der Demokratie herbeigeredet wird mit den Mitteln aus Überfremdungsangst und blinder Wut. Und ja, es gibt bei uns eine Menge aufzuholen, zu modernisieren, zu beschleunigen und zu verbessern. Es gibt viel zu tun, aber mit populistischer Hetzjagd und nationalem Egoismus löst sich nichts. Im Gegenteil. Und da nimmt die Bibel eine klare Position ein. Der Monatsspruch im Juli könnte passender nicht sein an dieser Stelle mitten im Wahljahr 2024.

Im 2. Buch Mose steht im 33. Kapitel: Du sollst dich nicht der Mehrheit anschließen, wenn sie im Unrecht ist. (Ex 33,2)

Es ist wohl auch kein Zufall, dass dieser Satz ganz in der Nähe der 10 Gebote steht. Denn er ist selbst genauso formuliert. Du sollst nicht! Es scheint also sehr wichtig zu sein. Doch gegen Unrecht aufzustehen, wenn ich das allein oder mit wenigen tue, ist schwer und verlangt viel. Manchmal ist es zu viel, wenn ich an den Oppositionellen Nawalny denke. In dem Moment, wo ich für meine Überzeugung mein Leben gebe, ist das der größte und letzte Einsatz. Für Nawalny stand es dafür und er wird dadurch zum politischen Märtyrer. Beeindruckend fand ich immer, wie klar er war und wie er sich nicht hat den Mund verbieten lassen. Das können nicht viele auf diese Weise. Sich aber nicht blind der herrschenden Mehrheit anzuschließen und Unrecht zu benennen, wenn es da ist, das ist möglich und nötig. Dann entsteht eine lautgewordene Mehrheit, die sich nicht mehr damit abfinden kann, die Freiheit, die Rechtsstaatlichkeit und die demokratischen Verhältnisse einfach über Bord zu werfen. Hoffentlich ist es immer wieder die Mehrheit, die im Recht ist, lebt und bleibt. Ich denke, da sind wir auch als Kirche und Gemeinde gefragt, dazu eine klare Haltung einzunehmen.

 

Ich wünsche Ihnen eine gute und gesegnete Sommerzeit,
Ihre Pfarrerin Friederike Kaltofen