Andacht

Andacht

Liebe Leser,

Über dem Monat Juni steht folgender Vers aus dem Buch der Könige: Du siehst das Herz aller Menschenkinder. Ist das gut? Oder ist Gott damit der große Beobachter. Der alles sieht und notiert wie in einem Überwachungsstaat. Oder ist es das befreiende Wissen, dass ich mit allem, was mich erfüllt oder besorgt nicht allein bin, sondern von Gottes Blick umgeben. In Sichtweite. In Kontakt.

Es ist wohl ein bisschen was von beidem darin. Denn der Mensch braucht die Kontrolle, die Selbstkontrolle genauso wie die durch andere. Sonst lässt er sich gehen. Sonst stehen Schmähworte gegen Personen auf Bannern in Fußball­stadien, wo jeder Respekt verloren gegangen ist. Da decken sich Menschen mit Nudeln und Konserven ein. Blind vor Angst. Ohne Gedanken an andere oder die wirklich Betroffenen. Da werden Grenzen geschlossen vor Menschen in Not und in bitterkalten Nächten. Herr, du siehst es.

Und dann bin ich dankbar, dass der Herr den Blick vom Großen auf mich, den Einzelnen, richtet. Mich sieht in der Hilflosigkeit vor diesen Verhältnissen auf der Welt. Im Ringen um das Vertrauen ins Leben. Im Schmunzeln darüber, dass in einer Radiosendung eine der bedenklichen Sorgen um den Klimawandel war, dass es wohl keinen Eiswein mehr gibt. Herr, du siehst es.

Auch die Fragen, die sich in der Kirche aufwerfen nach ihrer Zukunft und ihrer Ausstrahlungskraft. Und den Bemühungen, die Wege zu Gott zugänglich und offen zu halten in unserer Gesellschaft, die im Moment sehr mit sich selbst zu tun hat. Das bewegt auch diesen Pilger: Ein Pilger gelangt in ein entlegenes Dorf und trifft dort einen alten Mann. »Was ist der schnellste Weg zu Gott?«, fragt er ihn spontan. »Liebe ihn!«, antwortet der Mann. »Das tue ich bereits.« »Dann achte darauf, dass dich andere lieben!«, sagt da der alte Mann. »Warum ist das so wichtig?«, fragt der Pilger zurück. »Weil Gott in das Herz aller Menschen blickt. Und wenn er dort deinen Namen immer wieder sieht, weil du anderen wichtig und lieb bist, wird er auf dich aufmerksam.« Der Pilger setzt sich langsam hin. Er weiß plötzlich nicht mehr, was ihn so weit weg getrieben hat.

Liebe Leser, in dieser Zeit ist es nicht einfach, einen klaren Blick und die Ruhe im Herzen zu bewahren, aber es gibt nicht nur ein Thema um uns. Als Christen leben wir im Vertrauen. Wir wissen uns bei allem von Gott gesehen. Auch wenn wir scheinbar nichts tun können als zu warten, können wir uns selbst stärken mit positiven Gedanken. Wir planen also weiter und werden nach Situation unsere Veranstaltungen absagen oder erleben.

Gott sei bei uns mit seiner Kraft und seiner Nähe!
Eine gute Sommerzeit wünscht mit herzlichen Grüßen

Ihre Pfarrerin
Friederike Kaltofen