Eine Hand voll Ruhe – Andacht zum Monatsspruch September
BESSER EINE HAND VOLL MIT RUHE ALS BEIDE FÄUSTE VOLL MIT MÜHE UND HASCHEN NACH WIND (Prediger 4, 6)
Der Herbst hat seine eigene Sprache. Die Tage werden kürzer, das Licht weicher. Blätter färben sich und fallen schließlich zu Boden. Die Natur, die im Sommer noch voller Kraft und Wachstum war, beginnt loszulassen.
Vielleicht liegt darin eine leise Weisheit. Ein Baum versucht nicht, seine Blätter festzuhalten. Er klammert sich nicht an das, was war. Er lässt los.
Wir Menschen tun uns damit oft schwerer. Wir halten fest: an Plänen und Erwartungen, an Gewohntem, manchmal an dem Bild, das wir von unserem Leben oder von uns selbst haben. Und oft sind unsere Hände längst voll. Voll mit Aufgaben, Sorgen und dem Gefühl, noch mehr schaffen zu müssen.
Der Prediger kennt dieses Lebensgefühl. Er spricht von „beiden Fäusten voll mit Mühe und Haschen nach Wind“. Ein starkes Bild: Beide Hände sind gefüllt und doch kommt die Seele nicht zur Ruhe. Vielleicht, weil wir von Leistung, Erfolg oder Sicherheit etwas erwarten, was sie uns auf Dauer nicht geben können.
„Besser eine Hand voll mit Ruhe“, sagt der Prediger. Das ist keine Einladung zur Faulheit. Es ist eine Einladung zum rechten Maß. Zum Genug. Dazu, nicht alles festhalten und nicht das ganze Leben selbst absichern zu müssen.
Der Herbst kann uns daran erinnern. Weniger Licht. Weniger Wärme. Weniger Fülle. Und doch hat gerade diese Jahreszeit ihre besondere Schönheit.
Im Glauben dürfen wir lernen, eine Hand zu öffnen. Loszulassen, was wir nicht kontrollieren können. Gott anzuvertrauen, was uns beschäftigt. Unser Wert hängt nicht daran, wie voll unsere Hände sind. Und unser Leben liegt nicht allein in unserer eigenen Kraft.
Vielleicht ist das eine kleine Übung für diesen Herbst: nicht immer noch mehr zu greifen, sondern wahrzunehmen, was bereits da ist. Ein Gespräch. Ein stiller Moment. Ein dankbarer Gedanke. Gottes Gegenwart mitten im Alltag.
Eine Hand voll Ruhe kann manchmal mehr sein als zwei Hände voll von Dingen, die unsere Seele niemals satt machen.
Ihre Vikarin
Ellinor Thom
