Andacht

Andacht

Liebe Leser des Kirchenboten,

genervt schaut die Frau über die Schulter zu ihrem Mann. »Kannst du dir das nicht einfach mal merken?« Schon wieder hatte er beim Einkaufen die Kaffeesahne vergessen. »Ich habe es eben vergessen. Sei doch nicht gleich so wütend«, antwortet ihr Mann. »Ich kann nicht verstehen, warum das so schwierig ist«, sagt sie hart. Aber, liebe Leser, sie kann weniger das Problem, sondern eigentlich ihren Mann nicht verstehen.

»Und gleich noch einmal!«, sagt die strenge Trainerin der kleinen Eiskunstläuferin. »Wo bist du mit deinen Gedanken? Konzentrier dich endlich!« Das Mädchen nickt nur stumm und wischt sich wütend die rote Nase ab. Ich kann das doch eigentlich, denkt sie verzweifelt. »Nochmal. So wird das nichts«, hört sie die schneidende Stimme. Die Trainerin hatte nicht gesehen, dass das Kind vielleicht gerade jetzt ein gutes Wort gebraucht hätte.

»Herr Lindemann, kommen Sie doch bitte mal in mein Büro!« Der Bankangestellte senkt den Kopf. Als er das Büro betritt, sagt der Mann hinterm Schreibtisch sofort: »Sie können gleich stehen bleiben, Herr Lindemann! Wir müssen betriebsbedingt Stellen kürzen. Ich muss Ihnen hiermit kündigen. Alles Gute, Herr Lindemann!« Ja, genau. Alles Gute ohne Arbeit und Geld, denkt Herr Lindemann bitter und verlässt wortlos das Büro.

1. Genauigkeit, 2. Leistung und 3. Wirtschaftlichkeit sind hier die Maßstäbe. Aber wir glauben als Christen, dass es auch anders geht! Unsere Jahreslosung macht das stark. Jesus Christus spricht: Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist. Ist das realistisch? Unbarmherzigkeit erleben wir ständig. Sie ist einfach da. Und oft verbindet sie sich mit Wut, Bitterkeit und Enttäuschung. Es wird kühl und stumm zwischen den Menschen. Doch der Mensch ist kein zu optimierendes Produkt, sondern lebt und empfindet. Er lebt auch mit und von der Barmherzigkeit, die wir geben können. Und das bedeutet nicht, mehr zu geben als ich kann oder es geboten ist. Auch der Heilige Martin gibt dem Bettler nicht den ganzen Mantel, sondern die Hälfte. Ich teile, so dass es für mindestens einen mehr als mich reicht! Jesus Christus spricht: Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist.

Barmherzigkeit heißt: nicht mich selbst zum Maßstab für den anderen setzen (Szene 1), hinsehen (Szene 2), Anteilnehmen (Szene 3). Und dann verändert sich etwas im Leben! Was würde in den drei kurzen Geschichten jetzt passieren?

Also vertrauen wir auf ein barmherziges Jahr 2021 für uns und die Welt und tun unseren Teil dazu!

Es grüßt Sie alle sehr herzlich,
Ihre Pfarrerin Friederike Kaltofen