Andacht

Andacht

Liebe Leser,

Auf einem Pullover von meinem kleinen Sohn steht: Amazing!

Das sagt der Amerikaner wohl ziemlich oft und zu ziemlich vielen Dingen. Wir würden es vielleicht übersetzen mit: Toll! Wunderbar! Eigentlich schön, wenn sich Menschen schnell und viel begeistern können. Denn „Amazing“ drückt Begeisterung und Staunen aus. Das ist eine Einstellung, die dem Leben viel Gutes abgewinnen kann.

Und so klingt der Vers aus dem 139. Psalm für den Monat August auch: „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“ Da ist Begeisterung und Staunen herauszuhören, wenn ich es laut lese. Wunderbar, dass ich da bin, dass ich so gemacht bin, wie ich bin.

Der Vers geht nicht mit „Amazing“ los. Er beginnt mit dem Dank an Gott. Dann erst fällt der Blick auf mich selbst. Und das finde ich, Sie werden es erraten, wunderbar! Durch den Psalm pulsiert ein Lebensgefühl der Begeisterung und einem großen Ja. So zu denken hat etwas von einer für manche Menschen kindlichen Freude. Aber diese Freude ist weder naiv noch kindisch. Sie erkennt den Schöpfer und empfindet die Ehrfurcht vor dem Leben.

Das haben wir bitter nötig. Wenn Menschen wie Vieh in Unterkünften und Arbeitsbedingungen gehalten werden. Entrechtet und ausgebeutet, Arbeit im Akkord. Und das ist nicht Bangladesch, auf das Europa mit dem Finger zeigt. Nein, das ist Deutschland. Und erst eine Krankheit hat die anderen Krankheiten aufgedeckt. Soziale Zweitklassigkeit, moderner Sklavenhandel – es gibt viele Bezeichnungen dafür. Viel zu lange wurde das geduldet. Ein wesentlicher Faktor, um hier nachhaltig etwas zu verändern, sind wir. Denn mein Kaufverhalten trägt dazu bei, die billig verkauften und teuer produzierten Waren massenhaft anzubieten. Den Preis bezahlen die Arbeiter. Ich kann aber die Fleischanteile beim Essen reduzieren; weniger und dafür etwas Gutes kaufen. Die Möglichkeit hat jeder. Das kann viel bewirken – ich muss es nur tun! Denn jeder Mensch ist wunderbar gemacht. Und verdient so viel faire Bedingungen zum Arbeiten und Leben wie nur möglich. Das erkennt meine Seele.

So heißt es am Versende. Nicht der Verstand. Sondern mein emotionales Zentrum, mein soziales Gewissen, mein Teil Himmel in mir: meine Seele. Sie sieht den Menschen als zuallererst geliebt. Und wenn ich mich selbst so sehen kann, dann kann, dann muss dieser Blick auch für andere gelten.

Vielleicht sagen wir dann auch etwas öfter: Wunderbar! Oder wie die Amerikaner: Amazing!

Viele Gelegenheiten zur inneren Begeisterung wünscht Ihnen

Ihre Pfarrerin
Friederike Kaltofen