Andacht

Andacht

Liebe Leser,

„über allen Gipfeln ist Ruh’. In allen Wipfeln spürest Du, kaum einen Hauch …“
So dichtete der große Goethe. Er spricht dabei vom Wald. Die Stille, die er dabei beschreibt ist umfassend gemeint und empfunden. Ganz im Kontrast dazu steht der Monatsspruch für den August im 1. Buch der Chronik: Jubeln sollen die Bäume des Waldes vor dem HERRN, denn er kommt, um die Erde zu richten.

Da stellt sich mir die Frage: Was haben die Bäume davon, dass der HERR kommt? Und wie sieht das aus, wenn sie jubeln?

Die großen, stillen Bäume bei Goethe sind direkt aus der Natur gegriffen. Das haben Sie vielleicht beim Wandern auch schon erlebt. Aber jubelnde Bäume eher selten. Wenn ich mir das vorstelle, dann fällt mir auf, dass bei gesunden Bäumen der Hauptstamm nach oben gerichtete ist. Wie Arme, die beim Jubeln nach oben gerissen werden. Das machen Mensch instinktiv. Beim Jubeln reißen wir die Arme hoch. Das ist wohl ein Urinstinkt, denn alles Gute kommt von oben. Und dahin strecken wir uns aus. Und die kleinen Zweige der Bäume und ihre Blätter sind dabei die Hände. Das klappt nur bei der Trauerweide nicht und deswegen heißt sie auch so! Die Trauerweide wird von den Jubelbäumen direkt unterschieden. Denn wenn ein Baum trauert bei hängenden Ästen, dann heißt das doch im Umkehrschluss, dass die Bäume jubeln bei emporgehobenen Ästen. Nur, dass wir das nicht hören können. Sehr wohl aber sehen.

Und unser Monatsspruch genügt dieses eigenwillige Verständnis aber noch nicht: Jubeln sollen die Bäume des Waldes vor dem HERRN, denn er kommt, um die Erde zu richten.

Die Bäume jubeln, dass Gott kommt zum Gericht. Das wäre doch eher etwas für die Trauerweiden. Aber wir glauben, dass dieses Richten eben kein Verurteilen ist. Sondern viel mehr im Sinn von: Recht bringen, es recht machen, nach dem Rechten schauen, aufrichten. Das alle ist mit dabei, wenn wir vom Richten sprechen, dass von Gott kommt. Aufrecht sind wir darin wie die Bäume. Die uns vormachen, was es heißt, aus der Freude auf Gott heraus zu leben: jubeln. Manchmal still, manchmal laut.

Natürlich ist es nicht immer so einfach. Aber die Bäume können uns so gesehen, immer wieder dazu ermutigen und auffordern. Da wird der Waldspaziergang zum Gebet. Ein Grund mehr, unsere Wälder zu beschützen und zu erhalten.

In diesem Sinne ein gute und gesegnete Herbstzeit,
Ihre Pfarrerin Friederike Kaltofen