Andacht

Andacht

Liebe Leser,

der Monatsspruch für August steht im 2. Buch der Könige 19,16: Neige, HERR, dein Ohr und höre! Öffne, HERR, deine Augen und sieh her! Geht es Ihnen auch so: Unwillkürlich entsteht bei diesen Worten ein Bild von Gott. Ein Gott mit Ohren und Augen. Sehr menschlich. Sehr greifbar. Und dann weiß ich aus den zehn Geboten: du sollst dir kein Bild von Gott machen.

Vielleicht, liebe Leser, deutet sich hier an, dass ich Gott ganz unterschiedlich be-greifen kann. Wie das Lied, das ich nie angehört habe auf einer CD. Immer bin ich weitergegangen zum nächsten. Und plötzlich höre ich es aus einer Stimmung heraus an und finde es großartig. Vielleicht verändert sich meine Sicht auf Gott auch. Zusammen mit meiner Lebenszeit, mit mancher guten oder schmerzlichen Erfahrung. Vielleicht erlebe ich ihn auch verschieden. Vielleicht ist es genau das Wunder, das mir in Jesus Christus begegnet. Ein Gott, der sich mit Ohren und Augen nähert. Sich anfassen lässt, weil er weiß, wie wenig ich ohne Bilder leben und glauben kann. Die zehn Gebote sprechen dann wieder von einem Glauben, der blind vertraut. Und dort brauche ich
die Bilder nicht. Dort verstellen sie mir eher den Blick. Zwängen Gott in unsere Vorstellungen über ihn ein. Nehmen ihm seine Größe und Souveränität. Denn Gott lässt sich nicht eingrenzen und festlegen.

Und sind Ohren und Augen letztlich nicht selbst auch ein Ausdruck für etwas, was ich nicht ergreifen kann, liebe Leser? Nämlich Gottes Aufmerksamkeit. Ich muss sie mir nicht konkret vorstellen. Das, was ich bin und sein werde, das liegt in seiner Aufmerksamkeit. Er hat mich im Sinn. Oder in den Sinnen, wenn ich an Ohren und Augen denke. So sind diese Vorstellungen von Gott für mich so etwas wie Seh- und Hörhilfen im Glauben. Wenn ich Gott begegnen will, dann verbindet sich immer meine lebensweltliche, menschliche Seite mit dem überweltlichen, unfassbaren HERRN.

Wie beim alten Brückenbauer: »Es muss schwer sein, Brücken zu bauen«, sagt das Kind. »Nein, eigentlich ist es ganz leicht, wenn man es gelernt hat«, antwortete der alte Brückenbauer. »Die anderen Brücken sind viel schwieriger. Die baue ich in meinen Träumen.« »Welche anderen?«, fragte das Kind. Der alte Brückenbauer sah das Kind nachdenklich an. »Ich möchte eine Brücke bauen von der Gegenwart in die Zukunft. Und eine von der Dunkelheit ins Licht. Eine von der Zeit in die Ewigkeit über alles Vergängliche hinweg.« Das Kind hatte nicht alles verstanden, aber es spürte, dass er traurig war. Es wollte ihn trösten und sagte freundlich: »Ich schenke dir inzwischen meine Brücke.« Und dann malte das Kind für den alten Brückenbauer einen Regenbogen.

Ich wünsche Ihnen eine gute und gesegnete Sommerzeit!
Ihre Pfarrerin Friederike Kaltofen