Andacht

Andacht

Liebe Leser,

mit erhobenem Zeigefinger sagt die Oma zu ihrem Enkelkind: „Pass nur auf, der liebe Gott sieht alles.“ Dabei wollte die Fünfjährige doch nur mal probieren, ob der Kuchen auch gut geworden ist.

So verlockend und köstlich wie er da auf dem Tisch steht. Die Oma hätte auch sagen können: Bitte warte, bis wir alle am Tisch sitzen und zusammen Kaffeetrinkern. Aber die höhere Instanz verleiht der
Warnung etwas mehr Nachdruck. Und noch ein Vorteil gibt es. Die Oma bleibt die liebe Oma und kann sich hier hinter dem Himmel verstecken.

Der nicht zu unterschätzende Nachteil ist das Bild von Gott, das das Mädchen auch mit diesem Gedanken füllt. Gott sieht alles. Wie eine Kamera auf den Straßen, die kontrolliert, ob ich mich korrekt verhalte. Und das tut der liebe Gott? Ist er denn dann überhaupt lieb? Das hätte die Oma bestimmt nicht gewollt, aber die Wirkung lässt sich kaum verhindern bei dieser angedeuteten Drohung: der liebe Gott sieht alles.

Zum Glück klingt die Jahreslosung für das neue Jahr 2023 eben doch noch etwas anders: Du bist ein Gott, der mich sieht. (1. Mose 16,13). Der Gedanke zielt nicht darauf, ein strenges Korrektiv zu entfalten. Sondern ich bin gemeint. Ich als Mensch. Ich als Geschöpf. Ich mit Tränen und mit Lachen. Gott sieht mich an. Er sieht auf mich. Das ist ein Fall von liebevoller Wahrnehmung. Natürlich werde ich auch gesehen mit dem, was ich lieber nicht zeigen würde. Wer ich lieber nicht wäre. Wo ich mich vertan oder verschuldet habe. Aber dieses Sehen ist ohne Strafhorizont. Gott sieht mich. Es sagt nichts über Folgen aus. Es ist wertfrei. Ob es ein passives Zuschauen ist, bei dem, was mit im Leben passiert? Das vermuten Menschen manchmal auch.

Dieser Satz lässt in seiner Unbestimmtheit scheinbar viel Spekulationen zu. Im 1. Buch Mose erlebt Sarah, Abrahams Frau, Gott als einen nahen und beziehungsreichen Gott, der ihr zuhört. Und sie verleiht ihm deswegen des Namens: du bist (für mich) ein Gott, der mich sieht. Wir haben es also mit einem ausformulierten Gottesnamen zu tun. Mit einer Beschreibung und einem Gottesbild, das durch positive Erfahrungen positiv aufgeladen ist. Und ich glaube, für das kleine fünfjährige Mädchen wäre diese Deutung ein gute. Nicht die Androhung der Strafe. Soner vielleicht: Gott sieht sicher, dass du gern schon probieren willst. Und er freut sich für dich, dass es dir gleich gut schmecken wird. Aber diese Freude am ganzen, fertigen Kuchen sollen auch die anderen daran haben. Und deswegen ist ganz stolz auf dich, wenn du noch ein Moment warten kannst.

Aus den guten und positiv erlebten und formulierten Gotteserfahrungen kommen unsere Bilder und Vorstellungen von Gott, die uns selbst erfüllen und beflügeln können.

So wünsche ich Ihnen eine erfüllte Advents- und Weihnachtszeit
und ein gutes und gesegnetes neues Jahr 2023!
Ihre Pfarrerin Friederike Kaltofen